Asteya oder Nicht-Stehlen umfasst neben dem unerlaubten Nehmen von Dingen, die anderen gehören, auch das Benutzen eines Gegenstandes für einen anderen als den ihm zugedachten Zweck oder über die Zeit hinaus, die der Besitzer hierfür gebilligt hat. Hier wird die Idee der Freiheit, die in der Befolgung dieses ethischen Konzepts steckt, ganz besonders deutlich. Denn ein Mensch, der keinerlei Bedürfnis hat, etwas zu besitzen, was ihn nicht zutiefst gehört, ist frei.
Satya
Satya ist das höchste Gebot für ein ethisches Verhalten. Wenn der Verstand Gedanken der Wahrheit denkt, wenn die Zunge Worte der Wahrheit spricht und wenn das Leben auf Wahrheit beruht, dann kann man nach Iyengar (2005) die Vereinigung mit dem Unendlichen erlangen.
Ahimsa
Ahimsa ist der Wille zu einer gewaltlosen, andere nicht verletzenden Lebensführung. Das Nicht-Töten wird im erweiterten Sinne als Prinzip der Gewaltlosigkeit verstanden. Es schließt ein, allen Geschöpfen keine Gewalt anzutun und beinhaltet auch Mitleid mit allen leidenden Lebewesen.
Yama
Die erste Stufe, yama, beinhaltet Gebote der Sittlichkeit für die Gesellschaft, die, wenn sie nicht befolgt werden, zu Chaos, Gewaltsamkeit, Unwahrhaftigkeit, Diebstahl, Zerstreuung und Begehren führen.
Es sind dies ahimsa (Gewaltlosigkeit), satya (Wahrheit), asteya (Nicht-Stehlen), brahmacharya (Enthaltsamkeit) und aparigraha (Begierdelosigkeit). Die Wurzeln dieser Übel sind nach Iyengar (2005) Gefühle der Gier, des Verlangens und des Haftens am Irdischen. Nur aus ihnen entstehe Leid und Unwissenheit.
Patanjali greift die Wurzeln dieser Übel an, indem er die Richtung der Gedanken nach den fünf Grundregeln des Yoga zu ändern versucht.
Der Astanga-Yoga
Der Astanga-Yoga, der achtgliedrige Weg des Yoga, gilt, wie schon erwähnt, weithin als das Zentrum des klassischen Yoga des Patanjali. Dabei hat jeder dieser acht Aspekte des Yogawegs seine besondere Bedeutung, die nicht vernachlässigt werden darf, wenn dieser Weg ganzheitlich verstanden werden soll. Die ersten fünf Glieder bilden den äußeren Aspekt des Yoga und legen die Grundlage für die tiefer reichende Yoga-Praxis. Die beiden ersten beziehen sich auf die richtige Einstellung , die richtigen Werte und die richtige Lebensweise, somit auf das Fundament des Yoga. Mit den nächsten drei können die äußeren Aspekte der Natur, nämlich Körper, Atem und Sinne, beherrscht werden. Die letzten drei Glieder heißen samyama und bilden den inneren Kern der vorhergehenden fünf, wie auch jeder anderen Yoga-Übung.
Das Ziel des Yoga-Pfades kann durch den Kernsatz des Yoga-Sutra vergegenwärtigt werden, der gleichsam als Motto für den Gesamttext ganz zu Beginn steht:
„Cittavrtti – nirodhah: Der Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen der inneren Welt“,
oder etwas freier übersetzt:
„Yoga ist die Stilllegung der Gedanken“.
Die Begründung folgt im nächsten Merkspruch:
„tada drashtuh svarupe vasthanam“: „Dann tritt der Purusha (Geist) in seiner selbsteigenen Wesensform heraus“,
mit anderen Worten, der Mensch ruht dann in seinem wahren Selbst. (vgl. Frawley, 2001; Friedrich, 1997; Wunderli, 1974)
Die acht Glieder und Inhalte des Yoga-Pfades nach Patanjali wieder, die im folgenden näher erläutert werden.
Glieder und Inhalte des Achtfachen Pfades nach Patanjali
Glieder – Inhalte
1. Yama – allgemein ethische Gebote
2. Niyama – Selbstreinigung durch Disziplin
3. Asana – Stellung
4. Pranayama – rhythmische Atembeherrschung
5. Pratyahara – Zurückziehen und Befreien der Gedanken von der Herrschaft der Sinne und der äußeren Gegenstände
6. Dharana – Konzentration
7. Dhyana – Meditation
8. Samadhi – Zustand des Überbewusstseins, der durch tiefe Meditation hervorgerufen wird
Das Yoga-Sutra und der Achtfache Pfad des Patanjali
Da das Yoga-Sutra des Patanjali den klassischen Haupttext des Yoga enthält, soll es an dieser Stelle noch einmal genauer erläutert werden. Der darin enthaltene achtgliedrige Weg, der später als astanga-yoga (achtgliedriger Yoga) bezeichnet wird, beschreibt Ausgangspunkt, Methodik, Sinn und Zweck des Yoga. Er stellt dabei einen Übungsweg dar, der alle Ebenen des Menschen in einen Prozess von Veränderung miteinbezieht.
Patanjali wird weithin als der Vater des Yoga verehrt. Dabei hat er Yoga nicht erfunden, vielmehr gelang es ihm, den ursprünglichen Sinn der Wege des Yoga in seinem Werk heraus zu kristallisieren. Dabei griff er, wie es für die Philosophie der klassischen Zeit üblich war, auf den Sutra-Stil zurück. So erscheint der Haupttext des Yoga in äußerst kurz gehaltenen 195 Merksätzen, die wie ein Leitfaden durch die Philosophie des Yoga führen.
Ein Sutra, sagen die Weisen der alten Zeit, ist jenes Kommunikationsmittel, in dem eine universelle Wahrheit in so wenig Worte wie nur möglich zusammengedrängt wird, es ist von kristallener Klarheit, die von dem Zahn der Zeit unberührt bleibt. (Bäumer, 1976, S.17)
Das Yoga-Sutra ist in vier Bücher unterteilt.
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Samadhi Pada – Über die Versenkung
Im ersten Buch mit der Überschrift „Samadhi Pada – Über die Versenkung“ wird der Yoga definiert. Es stellt die Bewusstseinstätigkeiten vor und behandelt dann die unterdrückende Konzentration, deren Schwerpunkt auf der Unterdrückung der Bewusstseinstätigkeiten liegt. Anschließend wird die identifizierende Konzentration besprochen, bei der das Gleichwerden des Bewusstseins mit dem Meditationsgegenstand im Mittelpunkt steht.
Sadhana Pada – Über die Übung
Das zweite Buch mit dem Titel „Sadhana Pada – Über die Übung“ behandelt zunächst die theoretischen Hintergründe für die Yoga-Praxis. In der zweiten Hälfte beginnt die Beschreibung des achtgliedrigen Weges, die sich im dritten Buch, dem Buch „Über die übernatürlichen Kräfte – Vibhuti Pada“ fortsetzt. Der achtgliedrige Weg bildet das Zentrum des klassischen Yoga und wird daher im nächsten Abschnitt näher erläutert.
Drittes Buch
Im dritten Buch werden die Wunderkräfte aufgezählt und die beherrschende Konzentration und ihre Resultate in Bezug auf die Unabhängigkeit thematisiert.
Kaivalya Pada – Über die Freiheit
Das vierte Buch „Kaivalya Pada – Über die Freiheit“ wird eingeleitet von der Theorie über die Entstehung des empirischen Bewusstseins bei der Geburt und dessen Veränderung im Laufe der Zeit durch äußere Einflüsse. Dann werden die Zusammenhänge zwischen empirischem und reinem, nicht empirischen Bewusstsein behandelt, deren Erkenntnis zur Unabhängigkeit führt, dem letzten Ziel aller Übungen. (vgl. Bäumer, 1976)
Raja-Yoga – der königliche Yoga
Raja-Yoga ist der königliche Yoga. Hier wird nach Frawley (2001) die Herrschaft über den Geist angestrebt. Raja-Yoga ist auch unter der Bezeichnung Ashtanga-Yoga bekannt. Wörtlich übersetzt heißt ashtanga „acht-gliedrig“. Näheres zum Astanga-Yoga wird im nächsten Kapitel ausgeführt.
Karma-Yoga – der Yoga des Dienens
Karma-Yoga ist der Yoga der Arbeit oder der Tat. Er besteht einerseits aus Gebeten, Ritualen der Selbstreinigung und der Läuterung der Welt, andererseits aus dem Dienst an anderen Lebewesen. Dabei wird jedes Dienen als ein göttliches Ritual verstanden, das die Evolution der Lebewesen fördern möchte. (vgl. Frawley, 2001)